
Der Solitudering, offiziell Solitude-Rennstrecke, gehört zu den großen Naturrennstrecken seiner Zeit. Er liegt rund vier Kilometer westlich der Stuttgarter Innenstadt im Raum Leonberg und trägt seinen Namen nach dem nahen Schloss Solitude. Die Strecke verlief nie über einen eigens gebauten Rundkurs, sondern über öffentliche Landstraßen durch die Wälder zwischen Leonberg, Gerlingen und Stuttgart-West, die für die Rennen gesperrt wurden. Genau diese Mischung aus Alltagsstraße und Hochgeschwindigkeitskurs macht den Reiz des Ortes bis heute aus.
Vom Bergrennen zum großen Rundkurs
Die Rennsport-Tradition begann 1903 mit einem Bergsprint für Motorräder, der vom Stuttgarter Westbahnhof hinauf zum Schloss Solitude führte. Aus diesem Bergrennen entwickelte sich 1925 ein echter Rundkurs: die rund 22,3 Kilometer lange Strecke „Rund um die Solitude“ mit Start und Ziel zu Füßen des Schlosses. Zeitgenossen verglichen den anspruchsvollen Kurs mit der Targa Florio. 1931 wurde die Runde auf 19,9 Kilometer verkürzt und durch das Mahdental geführt. Den endgültigen, über Jahrzehnte genutzten Klassik-Kurs schuf man schließlich 1935.
Die Streckenführung des 11,4-km-Kurses
Der ab 1935 gefahrene Kurs maß exakt 11,4 Kilometer und wurde gegen den Uhrzeigersinn befahren. Start und Ziel lagen am Glemseck bei Leonberg. Von dort ging es vorbei am Seehaus hinauf zum Frauenkreuz, weiter Richtung Katzenbacher Hof mit dem Steinbachsee, vorbei am Stuttgarter Stadtteil Büsnau zum Schattengrund und durch das Mahdental zurück zum Start. Der Höhenunterschied betrug rund 130 Meter, vom Glemseck auf 383 Metern bis zum Frauenkreuz auf 502 Metern. Das gab dem Kurs einen ausgeprägten Achterbahn-Charakter.
- 45 Kurven insgesamt, davon 26 Linkskurven und 19 Rechtskurven
- längste Gerade 2,3 Kilometer zwischen Steinbachsee und Schatten, dort bis zu rund 290 km/h
- etwa drei Kilometer enges Kurvengeschlängel im Mahdental
- Streckenbreite zwischen acht und zwölf Metern
- Kapazität von bis zu 400.000 Zuschauern
Diese Kombination aus schneller Geraden und engem Waldgeschlängel verlangte den Fahrern alles ab. Den schnellsten Formel-1-Umlauf fuhr Jim Clark 1963 im Lotus 25 mit 3:49,1 Minuten, die schnellste Sportwagenrunde gelang Gerhard Mitter im Porsche 904/8 mit 3:59,2 Minuten.
Schloss Solitude und das Glemstal
Namensgeber ist das barocke Schloss Solitude oberhalb des Stuttgarter Stadtteils Bergheim. Die Strecke verläuft auf Leonberger, Gerlinger und Stuttgarter Gemarkung im Glemstal, der Abschnitt zwischen Schattengrund und Glemseck folgt dem Tal der Glems. Es ist eine bewaldete, hügelige Landschaft, die heute vor allem als Naherholungsgebiet dient.
Wie die Gegend heute aussieht
Der reguläre Rennbetrieb endete 1965, weil der Kurs mit seinen scharfen Kurven, den nahen Zuschauermassen und den fehlenden Auslaufzonen als zu gefährlich galt. Heute besteht die ehemalige Rennstrecke aus normalen öffentlichen Straßen durch den Wald, unter anderem der B295 beziehungsweise Solitudestraße und der Mahdentalstraße zwischen dem Autobahnkreuz Leonberg-Ost und der Abzweigung Krummbachtal. Wer dort entlangfährt, ahnt kaum, dass hier einmal eine halbe Million Menschen an der Strecke standen.
Lebendig bleibt die Strecke durch das Solitude Revival, das seit 1999 historische Renn- und Sportwagen auf Teile der alten Strecke zurückbringt. Dafür wird die Mahdentalstraße zeitweise gesperrt. Für 2026 ist eine Sperrung vom 20. bis 24. Juni angesetzt. So bleibt der Geist der Rennstrecke der Legenden auch sechzig Jahre nach dem letzten Rennen spürbar.