Die Geschichte des Solitude-Rennens

Das barocke Schloss Solitude bei Stuttgart, Namensgeber des Rennens

Das Solitude-Rennen gehoert zu den groessten Kapiteln des deutschen Motorsports. Ueber mehr als sechs Jahrzehnte fuehrte es Motorraeder und Automobile ueber oeffentliche Landstrassen durch die Waelder westlich von Stuttgart, benannt nach dem nahen Schloss Solitude. Dieser Ueberblick folgt der Geschichte chronologisch von den Anfaengen bis zur Einstellung.

Die Anfaenge als Bergrennen ab 1903

Die Rennsport-Tradition an der Solitude begann 1903 mit einem Bergsprint fuer Motorraeder. Die etwa 4,4 Kilometer lange Strecke fuehrte vom Stuttgarter Westbahnhof hinauf zum Schloss Solitude. Damit gilt 1903 als Ursprungsjahr. Um 1906/1907 wurde der Start in den Vorort Heslach verlegt, zum Schuetzenhaus, und die Bergstrecke auf knapp sieben Kilometer verlaengert. Diese Variante wurde bis 1924 genutzt. Lange blieb es eine reine Motorradveranstaltung. Erst 1922 wurde das Rennen erstmals auch fuer Sport- und Rennwagen ausgeschrieben, und lokale Hersteller schickten ihre Werksteams mit den besten Fahrern an den Start.

Von der Rundstrecke zum klassischen Kurs

1925 wurde aus dem Bergrennen ein Rundkurs. Der ADAC Wuerttemberg trug das Rennen nun auf einer rund 22,3 Kilometer langen Strecke mit Start und Ziel zu Fuessen des Schlosses aus. Die kurvenreiche Bergstrecke wurde mit der Targa Florio verglichen. In den folgenden Jahren aenderte sich die Streckenfuehrung mehrfach. 1928 wurden Automobile aus Sicherheitsgruenden zeitweise verbannt, sodass nur noch Motorraeder fuhren. 1931 wurde der Kurs auf rund 19,9 Kilometer verkuerzt. 1935 entstand schliesslich der klassische Kurs von etwa 11,4 Kilometern durch das Mahdental, der ueber Jahrzehnte genutzt werden sollte. Das letzte Vorkriegsrennen fand am 23. Mai 1937 statt, danach unterbrach der Krieg den Rennbetrieb.

Neustart nach dem Krieg und die grosse Zeit der Motorraeder

1949 gab es die erste Nachkriegsveranstaltung, zunaechst wieder nur fuer Motorraeder. Ab 1950 wurde der Grosse Preis von Deutschland fuer Motorraeder ausgetragen, ab 1952 als WM-Lauf, der die Weltelite anzog. Die Motorrad-Weltmeisterschaft kam in den geraden Jahren 1952, 1954, 1956, 1958, 1960, 1962 und 1964 an die Solitude. Zu den Siegern zaehlten grosse Namen wie Geoff Duke, John Surtees, Mike Hailwood, Jim Redman und Phil Read. NSU dominierte die kleinen Klassen und holte mit Fahrern wie Werner Haas und Rupert Hollaus mehrere WM-Titel. Die Rennen der 1950er-Jahre lockten bis zu nahezu einer halben Million Zuschauer an, ein Andrang, der das Ereignis weit ueber die Region hinaus bekannt machte.

Die Formel-Aera 1960 bis 1964

1956 kehrten die Automobile zurueck, und Anfang 1957 wurden Strecke und Boxen von acht auf zwoelf Meter verbreitert, um den FIA-Anforderungen zu genuegen. 1960 begann mit einem Formel-2-Rennen die Formel-Aera, das Wolfgang Graf Berghe von Trips auf Ferrari gewann. Von 1961 bis 1964 folgten vier Formel-1-Rennen ohne WM-Status, der Grosse Preis der Solitude. Die Sieger waren Innes Ireland (1961), Dan Gurney mit einem Porsche-Doppelsieg 1962, Jack Brabham (1963) und Jim Clark (1964). Auch Graham Hill und Stirling Moss gingen hier an den Start. Den schnellsten Formel-1-Umlauf fuhr Jim Clark 1963 im Lotus 25 in 3:49,1 Minuten.

Das Ende 1965

1965 wurde das letzte Solitude-Rennen ausgetragen, vor rund 200.000 Zuschauern. Der Kurs galt mit seinen schnellen Passagen, den nahen Zuschauermassen und fehlenden Auslaufzonen als zu gefaehrlich. Toedliche Unfaelle der Jahre zuvor trugen zur Entscheidung bei. Insgesamt sind 16 Todesfaelle dokumentiert. Damit endete der regulaere Rennbetrieb. Spaeter hielten nur noch Revival- und Jubilaeumsveranstaltungen die Erinnerung wach.